Sonntag, 16. Juni 2019

Einfach genügsam - ein Schlüssel zu mehr Zufriedenheit?

Weil einfach einfach einfacher ist.

Fragt mich jetzt nicht, woher genau dieser Werbesatz stammt, ich bekomme es nicht mehr zusammen. Aber er ploppte mir im Kopf auf und passt ganz einfach.


Seit ich Mutter bin, hinterfrage und reflektiere ich mich, mein Verhalten und meine Gedanken sehr oft und intensiv. Ich beobachte mich und freue mich enorm, wenn ich selbst meine Handlungen und jene Gedankengänge in Worte zu fassen bekomme, die vorher nur ein diffuses Gefühl oder schulterzuckendes "Weiß nich, is halt so" hinterließen.


In den letzten Wochen habe ich mir sehr viele tiefer greifende Gedanken gemacht, darüber wie ich leben will, was für ein Mensch ich sein will. Was ich vermitteln und meinen Kindern weitergeben möchte. Was ich hinterlassen will in dieser Welt und wie ich sie hinterlassen will. Und je mehr ich darüber nachgedacht und philosophiert habe, umso klarer hat sich ein Bild formiert, ein Gefühl. Etwas, das heruntergebrochen in zwei Worte passt.


einfach & genügsam


So simpel, so unsexy.
Es könnte natürlich auch etwas aus aller Munde sein. Achtsamkeit, Minimalismus, Nachhaltigkeit. Alles Begriffe, die ich auch unterstützen kann. Aber die Genügsamkeit, das ist es, was es meiner Meinung nach in der heutigen Gesellschaft an enorm vielen Stellen, wenn nicht gar fast überall, fehlt. Und ich vermute, sie könnte der Schlüssel zur Lösung einiger Probleme und für mehr Zufriedenheit sein.




Das Wort Genügsamkeit an sich löst erstmal keine Begeisterungsstürme aus.
Genügsam, das ist doch vor allem jemand, der sich Dinge verbietet, jemand Anspruchsloses, ohne Spaß und Freude am Leben. Da denkt man an Mönche und Nonnen, die jeglichen weltlichen Besitzt ablegen und sich auf die einfachsten Dinge besinnen. Für die meisten in unserer heutigen Zeit undenkbar.

Tatsächlich steckt hinter diesem Wort aber mehr.
Bescheidenheit. Dankbarkeit. Demut.
Die Art, mit wenig auszukommen. Und damit zufrieden zu sein.

Und genau das will ich.
Das heißt nicht, ohne Internet und nur bei Wasser und Brot zu leben.
Es heißt nicht, sich nicht auch mal etwas zu gönnen.
Es heißt nicht, kein Auto mehr zu haben und nicht in den Urlaub zu fliegen.
Aber es heißt, dass die eigene Zufriedenheit nicht an diese Dinge gekoppelt ist.




Wir leben in einer Gesellschaft des absoluten Überflusses.
Alles ist immer und ständig verfügbar, mit einem Mausklick bestellbar und fix geliefert, woher auf der Welt es auch immer kommt und unter welchen Umständen es auch immer produziert wurde, um für mich bezahlbar bis billig zu sein. Jeder kann alles werden und überall auf der Welt sein. Gerade meine Generation, die Kriegszeiten und Flucht, Mangel und ein tatsächlich gefährdetes Leben nur noch abstrakt aus den Geschichtsbüchern oder von Erzählungen der Urgroßeltern kennt und die das Gefühl von tatsächlichen Grenzen häufig maximal von Bekannten aus der ehemaligen DDR geschildert bekommt, ist daran gewöhnt. Wir sind mit der Freiheit aufgewachsen, dass es alles gibt und wir überall hinkönnen. Das ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Doch was macht das eigentlich mit uns und wie hoch ist der Preis dafür?



Die Welt entwickelt sich in einem unglaublichen Tempo.
Ich weiß noch wie besonders es war, wenn ich mit 6-7 Jahren am PC meines Papas die Diskette mit dem "König der Löwen"-Druckstudio schieben und mir Ausmalbilder erstellen und ausdrucken konnte. Das Geräusch des Modems ist mir noch im Ohr (vielleicht auch weil es so ätzend war). Und wie unglaublich besonders und cool es war, dass wir ein paar Jahre später meine Lieblingslieder in einer eigenen Zusammenstellung auf eine CD brennen konnten.
Und heute wird, und das nur als eines von vielen Beispielen, die Vorstellung von autonomem Autofahren erforscht und immer realer. Ist es nicht verrückt, was in solch einer kurzen Zeit passiert ist? Ich bin noch nichtmal dreißig.

Doch wo soll das alles noch hinführen?
Ist diese Entwicklung nicht früher oder später in ihrer Wucht und ihrem Tempo, in ihrer Schnelllebigkeit und ihrem Verschwendungswahn zum Scheitern verurteilt?



Mal einen kritischen, wenn auch natürlich übertriebenen und undifferenzierten Blick in die Gesellschaft wagen?

Verfügbarkeit und Konsum bestimmt, wenn wir nicht achtgeben, schnell unser Leben.

Ich brauche was? Schnell im Internet bestellt.
Ich stöbere im Internet und sehe etwas, das mir gefällt, auch wenn ich es gar nicht benötige oder es schon in zwei anderen Ausführungen habe? Ein Klick und schon wird die Bestellung bearbeitet. 
Vielleicht hab ich sowas ja noch irgendwo im Keller, aber wo genau? Keine Ahnung, aber das ist so schön günstig, da kann man auchmal was mehr haben. Und im Zweifelsfall schicke ich es einfach zurück. Wird dann zwar höchstwahrscheinlich geschreddert, aber kostet mich dann ja nichts.

Und so kaufen und bestellen und konsumieren und horten wir, um dann mit entzückten Augen Marie Kondo beim Aufräumen zu bewundern. Toll, diese Aufräumtechnik! Dieser Minimalismus! Gibt's da nicht ein Buch zu? Ich bestell mal ...

Dieses Gefühl von "Alles steht jederzeit für dich bereit" macht sich doch sogar in unserer Gefühlswelt breit. Statt mit offenem Herzen und Kompromissbereitschaft auf andere zu- und in eine Partnerschaft zu gehen, werden Profile gecheckt, Interessen abgeglichen und bei genügend Schnittmenge Nägel mit Köpfen gemacht. Irgendwie ist das mit der Beziehung doch nicht so einfach, das muss doch auch noch besser gehen, mehr abgehen, mit weniger Streit und Diskussionen gehen und sowieso einfach viel mehr funken zwischen uns. Ich beende das lieber und schau weiter, schließlich gibt es zu jedem Topf einen Deckel.



Selbst beim mittlerweile so hochgelobten und umjubelten Thema der Nachhaltigkeit - dem in seiner Präsenz ja an sich gar nichts negativ entgegenzusetzen ist - werden wir dann bombardiert mit dutzenden Produkten, die als unbedingte Must-Haves eines nachhaltigen und grünen Lebensstils propagiert werden. Hochmotiviert, nun etwas Gutes für die Umwelt zu tun, werden dann also massenweise Dinge aus dem Hauhalt aussortiert und neu angeschafft und so verpufft der grüne Effekt dann auch ganz schnell wieder, wenn man sich nicht vorsieht.




Raus aus dem Konsumwahn

Wie also nun diesem ganzen Kreis, der sich um uns aufgebaut hat 
und so normal und gewohnt und bequem erscheint?


Derzeit scheinen sich, zumindest in meiner kleinen Wahrnehmungsblase, immer mehr Leute mit den Themen Nachhaltigkeit und Minimalismus zu befassen. Weniger Plastik verbrauchen und generell weniger Zeug besitzen, das erlangt in immer mehr Köpfen eine große Bedeutung. Ebenso der Verbrauch von zunehmend regionalem Obst und Gemüse, von fair gehandelten Produkten und weniger, aber dafür hochwertigerem Fleisch. 

Das finde ich wunderbar und wichtig. 
Es gab mal eine Zeit, da trieben mich in Sachen Lebensmitteleinkauf vor allem Routine und Preis, ich ließ mich leiten und verführen von Werbung und Angebot und der präsentierten scheinbaren Praktikabilität gewisser Produkte. Mir war zwar schon bewusst, dass das Achten auf Regionalität, wenig Verpackungsmüll und vernünftiger Tierhaltung besser wäre, aber auf sowas konsequent zu achten muss man sich ja auch erstmal leisten können, wer weiß ob überhaupt Bio drin ist wo Bio drauf steht und überhaupt, nur weil ich das billige Schnitzel jetzt nicht kaufe, ändert das ja nichts, dann kauft es halt jemand anders und die Sau ist ja eh schon tot.

Dann habe ich Anfang des Jahres doch mal angefangen, darauf zu achten, was so in meinem Einkaufswagen landet. Es ging in kleinen Minischritten, die mir im jeweiligen Moment angenehm und nicht schwer in ihrer Einzelheit erschienen: Wirklich darauf zu achten, immer ein paar Stoffbeutel oder Einkaufstaschen im Auto oder der Tasche zu haben. Obst und Gemüse nur noch unverpackt oder in wiederverwendbaren Netzen zu kaufen. Fleisch an der Theke oder direkt beim Fleischer, dafür seltener zu kaufen.  

Nachdem wir alle Reste an Duschgel und Shampoo aufgebraucht haben (bis auf ein paar Kinderprodukte ist jetzt seit über einem Monat alles weg) nutzen wir nun eine feste Körperseife und auch festes Shampoo. Auch Wattepads und Gesichtswasser werden nur noch aufgebraucht, dann das Gesicht mit einem Mikrofasertuch gereinigt. Auch Reinigungsmittel möchte ich nach und nach versuchen selbst herzustellen und mich mehr mit Hausmitteln als industriell hergestelltem befassen und behelfen. 

Mittlerweile ist mir der bewusstere Konsum zur guten Angewohnheit geworden und meine Überzeugung, dass ich persönlich mit jeder einzelnen Kaufentscheidung eine Wahl treffe und ein Statement setze (und wenn es noch so klein erscheint), gewachsen.



Und das Ende vom Lied?

Es gibt kein Ende, es ist ein Prozess. 
Einen Effekt bemerke ich ganz deutlich in meinem Einkaufsverhalten. Es ist einfacher und eigentlich fast alles, was mich vorher in Kaufversuchung geführt hat, kommt schon allein durch die viele Verpackung, aber auch durch starke Verarbeitung und unschöne Inhaltsstoffe nicht mehr in Frage. Nachdem ich erstmal rausgefunden habe, wo ich welches Frischzeug unverpackt bekomme und wo es Milch und Joghurt auch in Glas gibt, ist das auch praktisch viel einfacher. Nachhaltigkeit und Genügsamkeit gehen Hand in Hand. Das schlägt sich letzten Endes bestimmt auch ein wenig aufs Finanzielle nieder, langfristig gesehen. 

Wir sind noch weit entfernt davon, alles perfekt zu machen. Wir fahren zwei Autos und werden das in naher Zukunft auch nicht ändern können. Es gibt hier trotzdem auch mal nicht regionales Obst oder eingeschweißte Bratwürstchen. Wir bestellen auch immer mal wieder etwas im Internet und sind längst nicht plastikfrei oder gar "zero waste" unterwegs. Aber wir achten darauf, zu reduzieren und achtsam zu konsumieren, wo es uns gerade leicht fällt. Perfektionismus ist hier auch nicht von Nöten. Hundert Familien, die auf ihren Konsum achten und einfach mal anfangen, sind immernoch mehr wert als zwei einzelne, die komplett ohne Müll leben, wenn sich der Rest nicht traut.


Jetzt ist dieser Blogpost letzten Endes thematisch nicht mehr nur bei der Genügskamkeit vom Anfang geblieben, sondern in eine Richtung geschwenkt, die ich eigentlich für einen eigenen Beitrag vorgesehen hatte, als ich diesen Beitrag vor mehreren Monaten begonnen habe. So lange geht unsere Reise hin zu einem einfacheren, achtsamen und genügsamen Leben nun schon und ist noch lange nicht vorbei. Zu sagen gäbe es wohl noch vieles, aber irgendwann soll das Ding ja auch mal online gehen ;)

Was bleibt mir also als Fazit?


Ich für mich persönlich möchte mich künftig und dauerhaft der Genügsamkeit, Bescheidenheit und Achtsamkeit verschreiben. Ich merke, wie mich der Gedanke daran und das Handeln danach erleichtert und zufriedenstellt. So darf es weitergehen, denn ganz ehrlich: das schnelle, moderne und übereifrige Leben ist definitiv nichts, was mich langfristig begleiten soll und zufrieden macht.
    

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