Sonntag, 7. Januar 2018

"Das Kind kommt falsch herum!" - Geburt aus Beckenendlage


"Ihr Kind liegt falsch herum."

Der gefürchtete Satz bei der Schwangerschaftsvorsorge. Einer aus der Reihe "Die eine Schwangere nicht hören möchte", gleich neben "Sie haben Schwangerschaftsdiabetes" und "Da isst aber jemand für zwei". Aber schlimmer. Denn für viele Frauen bedeutet das die Absage für eine natürliche Geburt, nicht viele Kliniken und Ärzte trauen sich daran. Dabei ist es alles andere als unmöglich. Ich habe es selbst erlebt. 

Ich möchte gern meine Erfahrung einer spontanen Beckenendlagengeburt mit euch teilen. Mit denen da draußen, die ebenso "betroffen" sind ebenso wie mit denen, die es einfach interessiert. Ich möchte Mut machen, sich nicht einfach so mit einem Kaiserschnitt zufrieden zu geben, nur weil das Kind anders herum liegt als es die Norm ist. 

Meine Geburtserfahrung ist natürlich sehr persönlich und nicht auf andere übertragbar. Es ist keine Prognose, wie so eine Geburt ablaufen wird, sondern ein Erfahrungsbericht. Ich bin auch keine Medizinerin, also nagelt mich nicht auf fachlichen Details fest ;)



Diagnose Beckenendlage

Achja, meine zweite Schwangerschaft war etwas wunderbares, sehr entspannt und gelassen. Es ging mir körperlich und seelisch bestens, ich fühlte mich fit und wusste ja auch schon, was mich so erwartete. In der 26. Woche lag das Baby beim Ultraschall in Beckenendlage, obwohl es beim Hebammenbesuch am Tag zuvor noch brav mit dem Köpfchen nach unten zeigte. Offensichtlich ein Turner, mein kleiner Racker da drin. Aber kein Problem, zum Drehen in die optimale Geburtsposition war ja noch viel Zeit. 

Doch auch bei der nächsten Vorsorge lag mein Baby falsch herum. Und auch in der übernächsten. Wenn es sich in den nächsten zwei Wochen nicht drehen würde, müsste mich meine Ärztin zur Geburtsplanung in die Klinik schicken. Geburtsplanung bedeutete in diesem Zusammenhang Planung des Kaiserschnitts, denn das war nunmal das Prozedere in dem kleinen Krankenhaus, das wir uns eigentlich für die Geburt unseres zweiten Kindes als ruhigen und kuscheligen Anfangsort ausgesucht hatten. Aber ich solle schön fleißig die Indische Brücke turnen und mein Becken hochlagern, um eine Drehung zu provozieren, dann würde das schon klappen. 

Also turnte ich die nächsten zwei Wochen lang. Und machte mir so meine Gedanken. Und recherchierte.
Mit einer Geburt aus Beckenendlage hatte ich mich bisher noch nie befasst. Ich war immer davon ausgegangen, dass die Babys sich halt ordentlich richtig hindrehten zur Geburt, bei meiner Tochter war das überhaupt kein Thema gewesen. Ich war davon ausgegangen, dass es dieses Mal ebenso laufen würde, nur noch ruhiger und routinierter (schließlich wusste ich ja, was auf mich zukommen würde) und noch etwas schneller (beim ersten Mal waren es zehn Stunden ab Blasensprung gewesen, sechs davon unter schmerzhaften Wehen). 

Nun, niemals zuvor in meinem Leben hatte ich je gleichzeitig so viel Recht wie Unrecht.

Ich beschloss, mich von meiner Wunschklinik zu lösen für den Fall, dass es weiterhin eine Beckenendlage blieb. Ich wollte keinen Kaiserschnitt. Nein, nein, nein. Im Notfall und falls es medizinisch nötig sein sollte, klar, keine Frage. Aber nicht so. Nicht nur deswegen. 
Als die Diagnose also auch noch in der 34.Woche blieb, wurde ich an ein großes Klinikum in Potsdam überwiesen, dessen Oberarzt spezialisiert war auf ungewöhnliche Geburtslagen.



Alles klar zur Wendung

Ich stellte mich also in besagtem Klinikum vor und hatte ein Gespräch mit dem Chefarzt.
Ich solle nicht besorgt sein, denn mein Kind liege nicht per se falsch herum, sondern einfach nur anders. Nicht normgerecht. Natürlich wäre die Schädellage die idealere Geburtsposition, weil der Geburtskanal durch das harte Köpfchen ja besser gedehnt werden würde als durch ein weiches kleines Popöchen. Aber eine spontane Geburt sei nicht unmöglich, gerade wenn man schon vorher ein Kind natürlich bekommen habe und das Kind nicht zu groß und schwer prognostiziert wäre.
Also gute Chancen für mich.

Vorher stehe allerdings - wenn ich dem zustimmen würde - noch der Versuch einer äußeren Wendung. In 50% aller Versuche würde sich das Kind so wohl drehen lassen, ohne diesen Eingriff lägen die Chancen dafür eher bei 10%. Das Risiko von Komplikationen wie vorzeitig ausgelösten Wehen, einer Nabelschnurumwickelung im Mutterleib oder Plazentaablsöung wäre sehr gering, ich würde aber zur Überwachung eine Nacht in der Klinik bleiben und in den Tagen danach sehr engmaschig untersucht werden. Sollte etwas sein, würden sie es also frühzeitig erkennen und das Kind per Kaiserschnitt holen können. 

Ich entschied mich für den Versuch einer äußeren Wendung.

Am Tag der Wendung war ich bei 37+0 und doch etwas aufgeregt. Ich hatte Erfahrungsberichte gelesen, die zwischen "War ein Klacks und ich hab nichts gemerkt" bis zu "schlimmste Schmerzen" schwankten. Tja, selbst schuld, wenn ich sowas auch vorher lese.
Vor dem Eingriff lagen viele Stunden des Wartens. Ich sollte nüchtern um 7.30Uhr erscheinen, wurde erstmal ans CTG angeschlossen und kam auf mein Zimmer. Mein Mann hatte sich extra frei genommen und war die ganze Zeit bei mir. Wir warteten. Ich bekam schonmal einen Zugang gelegt. Nach drei Stunden nochmal CTG und ich könne mich schonmal in so ein schickes Hemdchen schmeißen und bereit machen. Doch die Zeit verging, es wurde 11Uhr, als eine Schwester reinkam, mich mit Flüssigkeit durch den Zugang versorgte (essen und trinken durfte ich ja noch nicht) und sagte, wir wären dann so gegen 12 Uhr dran. Es wurde 12Uhr und im Kreißsaal war durch Notkaiserschnitte High Life. Doch um 14 Uhr wurden wir endlich abgeholt und in den Kreißsaal gebracht. Nochmal CTG und warten.

Als dann der Chefarzt mit einer weiteren Oberärztin und zwei Hebammen ankam ging alles recht schnell. Durch den Zugang wurde mir ein wehenhemmendes Mittel gegeben. Dass dieses Herzrasen verursachen würde wusste ich schon vorher. Es fühlte sich seltsam an und auch meine Beine zuckten merkwürdig. Dann ging es los.
Die Oberärztin drückte mein Baby in mir vom Schambein aus nach oben. An dieser Stelle fühlte es sich noch tagelang wie ein riesiger blauer Fleck an. Der Oberarzt schob mit kreisenden Bewegungen von oben und versuchte, es zu einer Rolle vorwärts zu animieren. Es war nicht direkt schmerzhaft, aber doch ziemlich unangenehm, dieses Drücken am Babybauch. Es fühlte sich an wie etwas, das eben nicht so vorgesehen war. Es verlangte mir all meine Kraft und Konzentration ab, um nicht muskulär dagegen zu gehen und mich anzuspannen, sondern alles locker zu lassen. 
Nach drei Versuchen brachen wir ab. Länger könne der Wehenstiller nicht mehr gegeben werden und das Baby würde sich auch bei einem weiteren Versuch nicht drehen lassen. Mein Sohn saß tief in meinem Becken, die Beinchen zum Schneidersitz gefaltet. Und genau so wollte er bleiben.

Anschließend musste ich noch zwei Stunden am Stück im Kreißsaal am CTG bleiben, wobei mir die erste halbe Stunde kontinuierlich die Tränen liefen. Nicht unbedingt aus Enttäuschung, irgendwie hatte ich schon damit gerechnet, dass es nicht klappen würde. Es lief einfach, ich führe das mal auf den Wehenhemmer zurück, der wirklich mächtig Herzrasen und zitternde Glieder bei mir verursachte hatte und mich damit ganz schön kalt erwischte.

Um 18Uhr war ich dann endlich auf dem Zimmer und durfte auch essen. Bis zum nächsten Morgen wurde alle zwei Stunden ein CTG geschrieben (auch die Nacht durch), nach einer Ultraschalluntersuchung wurde ich dann entlassen. Noch fünf Tage lang ging es täglich zum CTG in die Klinik. So häufig da zu sein in so kurzer Zeit, das würde ich auch nie wieder erleben, dachte ich mir und sollte schon wieder Unrecht haben (aber dazu mehr in einem separaten Beitrag).

Nun, die äußere Wendung hatte bei mir also nicht funktioniert. 
Mein Sohn, mein zweites Kind, blieb in Beckenendlage und machte alles, von dem ich vorher der Meinung war zu wissen wie der Hase laufen würde, wieder unheimlich spannend.
Und wir ließen alles auf uns zukommen und warteten auf die einsetzenden Geburtswehen.



Geburt aus Beckenendlage 

In dieser Zeit war ich vollkommen entspannt. Ich genoss diese Tage, in denen ich noch einigermaßen selbstbestimmt beweglich war und mich ganz meiner Tochter, der bald großen Schwester widmen konnte. Ich trank täglich meinen Himbeerblättertee, schaute Geburtsdoku nach Geburtsdoku, strickte und legte meine schweren elefantösen Wasserfüße hoch. Ich machte mir keine Gedanken um die Geburt, es würde schon alles gut gehen. Wahrscheinlich doch etwas langsamer als beim ersten Mal, da ich gelesen hatte, dass sich bei Steißgeburten die Eröffnungsphase länger hinzieht, weil der Po nicht so effektiv auf den Muttermund drückt. Wir wussten schon, dass es ein eher zartes Kind werden würde, nicht noch so ein 4,2kg-Brummer. Lustig eigentlich, wie unterschiedlich das bei exakt dem gleichen Genmix so ausfallen kann, aber sicherlich nicht so verkehrt für diese spezielle Geburt.

Es war drei Tage vor ET, da wollte ich mich nach einem der mehrfachen nächtlichen Pipi-Gänge wieder ins Bett legen, als ich etwas mein Bein runterlaufen spürte. 

Es war 1:35 Uhr.

Ich ahnte sofort, dass es Fruchtwasser war. Es wunderte mich zwar, dass es etwas bräunlich am Papier war, aber vermutete eine Vermischung mit dem Schleimpfropf. Erst spielte ich mit dem Gedanken, mich auf der Couch nochmal kurz hinzulegen und Kraft zu tanken, als ich schon die erste Wehe spürte. Und das schon ziemlich ordentlich. Ich startete meine Wehen-App und gab beides ein. Sieben Minuten später noch eine. Die nächste schon nur noch sechs Minuten später. Und sie taten schon wirklich weh. Also weckte ich meinen Mann und bat ihn, seine Eltern wie abgemacht anzurufen um unsere Tochter abzuholen. Sie standen gerade mit dem Wohnmobil etwa 20 km entfernt. Schwiegervater wollte nochmal nach Hause fahren und das WoMo gegen den Pkw mit Kindersitz tauschen, doch ich fing bereits an die Wehen im Fünfminutentakt zu veratmen und zu tönen, musste mich am Tisch abstützen und ließ mein Becken kreisen, kaum wissend wohin mit mir. Sie sollten lieber direkt zu uns kommen und einen Kindersitz von uns mitnehmen. 

Als meine Schwiegereltern dann ankamen und wir ins Auto hüpfen konnten war es 2:45 Uhr. Ich schrieb meinen Eltern, dass es nun losginge und veratmete auf der Fahrt drei heftige Wehen. Als wir auf dem Klinikparkplatz ankamen und ich ausstieg wurde ich erneut von einer Wehe erfasst. Die Kirchturmuhr schlug Punkt drei Uhr.
Wir fuhren hoch zum Kreißsaal. Ich bekam ein Hemdchen und sollte ans CTG, musste vorher aber nochmal Pipi machen. Die Wehenabstände waren unheimlich kurz, das Liegen fürs CTG schwer zu ertragen. Nach kurzer Zeit fühlte die Hebamme nach meinem Muttermund, sagte nur "schon ordentlich offen" und "Wir sollten dann mal in den Kreißsaal gehen".

Die 15 Meter über den Flur waren schwer, aber machbar. Ich legte mich aufs Kreißsaalbett, wurde dort ans CTG angeschlossen und war schon gespannt, welchen Höchstwert die Wehen dort so erreichen würden, da kam eine weitere Wehe. Und sie war anders. 
"Ich glaub, ich muss pressen", keuchte ich und um mich herum wurde es hektisch.
Drei Hebammen wuselten herum, legten Unterlagen hin, bauten Beinstützen an, legten mir einen Zugang in die Hand, riefe den Oberarzt, der ja die Beckenendlagengeburt leiten muss. Ich sollte veratmen, doch es gelang mir kaum. Es waren drei Presswehen, dann spürte ich den Po unseres Babys aus mir herausgleiten. Spürte, wie die kleinen Beinchen nacheinander ausklappten. Und schon kam auch der Rest und ein kleines Bündel, nass und warm und das Gesicht voll größter Skepsis und Unzufriedenheit in tiefe Falten gelegt, lag auf meinem Bauch.

Es war 3:31 Uhr. Fast genau zwei Stunden nach Blasensprung war ich zum zweiten Mal Mutter geworden.

Eine Minute später stand der Oberarzt in der Tür.
"Da komme ich wohl zu spät."
Er spritzte mir Oxytocin, um nach eigenen Worten zumindest etwas zu tun, und ging dann wieder.


So wurde unser Sohn Björn
am 24.11.2017 um 3:31 Uhr
spontan aus Beckenendlage bei 39+6 geboren.
Er war 47cm groß und  2770g schwer.


Ich war unheimlich überrollt von dieser schnellen Geburt und erleichtert, dass alles glatt und ohne Komplikationen gelaufen war. 



Keine Angst vor Beckenendlage

Eine naheliegende Frage: war es schmerzhafter als eine normale Geburt?
Ich habe ja nun das Glück, beides erlebt zu haben, jeweils ohne Einsatz von Schmerzmitteln.
Die Steißgeburt meines Sohnes habe ich nicht als schmerzhafter empfunden als die normale Geburt meiner Tochter. Die Schmerzen waren nur sehr viel konzentrierter, da es ja alles so schnell ging. Dieses Mal habe ich auch keinerlei Geburtsverletzungen erlitten und fühlte mich direkt danach unheimlich fit. Allerdings war meine Tochter damals auch fast 10cm größer und 1,5kg schwerer gewesen (zwei Tage vor ET, also zu einem sehr ähnlichen Zeitpunkt). Also lässt es sich eh sehr schwer vergleichen. 

Als Fazit kann ich nur allen, die sich tatsächlich bis hierher im Text durchgekämpft haben, sagen:
Aus meiner Sicht besteht absolut kein Grund zur Angst vor einer natürlichen Geburt aus Beckenendlage. Wichtig ist nur, sich dazu eine Klinik und Ärzte zum Partner zu machen, die diese unterstützen und das werden zum Glück wieder mehr. Ich wurde im Ernst-von-Bergmann-Klinikum in Potsdam liebevoll betreut und stets ermuntert und motiviert, meine Vorstellung von einer natürlichen Geburt trotz spezieller Geburtslage verwirklichen zu können. Und ich könnte kaum glücklicher mit dieser Entscheidung sein.


Habt auch ihr Erfahrungen mit einer speziellen Geburtslage gemacht?
Wie ist es euch so ergangen unter der Geburt, erzählt doch gern, wenn ihr wollt :) 

Kommentare:

  1. Du hast das so wundervoll geschrieben. Ich musste mir zum Schluss die Tränchen verdrücken.
    Nochmal herzlichen Glückwunsch zum süßen Sohn!
    Liebe Grüße, Hüpfeflo

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Jessi,
    herzlichen Glückwunsch zur Geburt von diesem bezaubernden Jungen! Ich freue mich so sehr für dich... für euch alle vier und wünsche euch eine wunderbare Zeit! Und für Björn: Herzlich willkommen!
    Ganz liebe Grüße und fühl dich umarmt
    Natalia

    AntwortenLöschen

Was sagst du dazu?

Hinweis:Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere persönliche Daten, wie z.B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.

Link Within

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...